Leseprobe

Ich erwachte, als der Vollmond hoch am Himmel stand und erblickte drei zerlumpte und moderig stinkende Herren, die sich schnarchend und schmatzend an der Wolfstränke verköstigten. Es war also doch keine Mär, die man im Dorfe erzählte, die Schlafgefressenschaft existierte. Die Männer tranken sehr gierig und fraßen die geronnenen Blutklumpen, bis daß der Trog leer war, und schließlich begannen sie, diesen auszulecken. Es furchtete mich nicht, denn ich wußte, daß es friedfertige Gesellen waren, und außerdem schliefen sie. Sie stießen hin und wieder Stöhnlaute aus, und einer von ihnen rülpste unentwegt. Dieser war kleinwüchsig und konnte den Rand des Troges mit seinem Kopfe nicht erreichen. Daher mußte er sich mit dem begnügen, was die anderen auf den Boden fallen ließen. Voller Hingabe wälzte er sich auf dem Erdengrunde und fraß die geronnenen Blutklumpen zusammen mit der Erde und den Blättern, mit denen sie sich mischten. Als das Freßgelage fast zu Ende zu sein schien, bemerkte ich ein Rascheln im Gehölz. Die Fressenden hatten es offensichtlich auch bemerkt, obwohl sie tief und fest schliefen. Es war ein hungriger Wolf, er knurrte und reckte seine sabbernde Schnauze aus dem Blattwerke eines Wacholderstrauches. Die Herren von der Schlafgefressenschaft waren nun rasch wieder im Walde verschwunden. Das Schicksal des rülpsenden, zwergwüchsigen Mannes war es jedoch, der langsamste zu sein, und ich mußte beobachten, wie der Wolf einen kräftigen Happen aus seinem Unterschenkel herausbiß. Da ich nun ein gottesfürchtiger Bursch war, das will bedeuten, ich fürchte Gott mehr als den Biß eines Wolfes, schritt ich zur Tat und warf meinen Eimer. Ich verfehlte den Wolf, aber er flüchtete dennoch und ließ mich allein mit diesem armen Tropf, der sich auf dem Boden einherwälzte und schnarchte. Trotz seiner klaffenden Wunde war er nicht aufgewacht und fraß weiter. Nun jedoch war es das Werk des Wolfes, welches er fortführte. Er nagte an der frischen Wunde seines Beines. Er schmatzte dabei, und es schien ihm zu munden, war es doch frisches Fleisch. Ich versuchte nicht, den Mann zu wecken, denn ich wollte Gutes tun. Und was wäre schlimmer, als einem hungrigen Menschen die Lust an einer köstlichen Mahlzeit zu verderben, wenn es auch er selbst war, den er fraß?

- Hör zu, kleiner Mann, - sagte ich, - ich weiß, daß du schläfst, aber dennoch glaube ich, daß du mich hörst. Wenn du dich selbst bis zu einem gewissen Grade aufgefressen hast, wirst du tot sein, und mich damit sehr stolz machen, weil ich dich nicht geweckt habe und dir dadurch diesen Tod geschenkt habe. Ist es nicht ein Tod, den wir uns alle wünschen, ein Tod im Fressen, mit gefülltem Bauche? Du wirst im Paradiese meine Großmutter sehen, du erkennst sie am schwarzen Peche. Sag ihr, daß ich morgen sehr früh erwachen werde, und ich werde ihr sehr bald die schwarze Blume bringen, die sie begehret. -

Der Stolz über meine Wundertaten bescherte mir einen seligen Schlaf. Als der Morgen mir erwachte, war der kleine Mann verblutet. Sein linkes Bein war nicht mehr vorhanden, er hatte es vollständig gespeiset.

Er hatte brav aufgegessen. Und ich war glücklich, denn ich wußte, daß er meine Botschaft ausrichten und das Großmutter sich freuen würde.

 

 

...es wird noch krasser ! 

 

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